„Die Zeit hat nie aufgehört, nicht zu vergehen.“ – Der französische Publizist und Filmemacher Claude Lanzmann im Gespräch mit dem Basler Romanisten Robert Kopp.

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Treblinka an sich habe ihn nach dem Krieg nicht berühren können. Der Ort nicht und auch nicht das heute dort errichtete Denkmal. Nach dem Besuch sei er in die Dörfer in der Umgebung gefahren, erzählt Claude Lanzmann im Gespräch über seine eben erschienen Lebenserinnerungen mit dem Basler Romanisten Robert Kopp. Ganz normale Dörfer habe er da gesehen, in denen Menschen jeden Alters lebten. Er habe das eigene Entsetzen fast vermisst, so der französische Publizist und Filmemacher, bis plötzlich das Ortsschild „Treblinka“ auftauchte, das absolute Grauen: „Wie konnte ein Ort mit diesem Namen noch existieren?“

Auch Güterwagen seien schließlich weltweit und eben auch in dieser Gegend noch auf Schienen unterwegs. Die Wagen hätten aber gerade hier für ihn etwas von Bomben gehabt. „Ihnen fehlte nur noch der Zünder“, so beschreibt Lanzmann seine Empfindungen nahe des ehemaligen Massenvernichtungslagers, in dem rund eine Million Menschen von den Nazis ermordet wurden. „Der kam mit dem Bahnhofsschild Treblinka und das gab dann die Explosion.“ Die Ermordeten hätten, so Lanzmann, an seiner Stelle sein können, er an ihrer. Drei Monate nach seinem Besuch habe er den Vertrag für sein filmisches Hauptwerk, das neuneinhalbstündige Dokumentarepos „Shoa“ unterzeichnet. „Mit einer plötzlich extremen Dringlichkeit.“

Der 1925 in Paris geborene Claude Lanzmann hat den Naziterror zwischen französischer Résistance und Partisanenkämpfen überlebt. „Ich bin ein sehr schlechter Jude“, sagt er von sich. Er habe sich nicht unbedingt als Jude gefühlt, aber dann doch den größten Teil seines Lebens mit der jüdischen Frage beschäftigt. Nach einem Philosophiestudium war Lanzmann mit Jean-Paul Sartre befreundet, auch einige Jahre Lebenspartner von Simone de Beauvoir, und Redakteur der beiden von ihm gegründeten „Les Temps Modernes“. Fragen nach Sartre und dessen 1946 publizierten Thesen über das gegenseitige sich Bedingen von Antisemitismus und Judenfrage wehrt der jetzt von der Basler Universität Eingeladene aber eher forsch ab: „Die Juden haben nicht die Antisemiten erwartet, um zu existieren.“

Insgesamt ist er kein leichter Gesprächspartner. Einer, der keine Frage wirklich beantwortet und sich schon gar nicht im Redefluss unterbrechen lässt, ganz gleich, wohin er eben abdriftet. Unter den rund 200 Zuhörern löst das gelegentlich leise Unruhe aus, ein Mann springt unvermittelt über die Lehnen der ersten Reihe und verlässt demonstrativ den Raum. Lanzmann nimmt das gelassen, sagt aber auch von sich: „Ich bin mir selbst oft obskur und bitte das zu entschuldigen.“ Das Unklare des eigenen Seins sei ihm Grundvoraussetzung für Kreativität. „Ich war auch nicht synchron mit der Geschichte“, sinniert der 84-Jährige weiter, der das ganze Ausmaß der Vernichtung erst nach dem Krieg ermisst und bei der Gründung des Staates Israel 1948 ein Lektorat an der Berliner Freien Universität innehat. Nach Israel sei er erst 1952 erstmals gekommen, auch das ein Schock: „Die Leute, die ich plötzlich als meine Brüder ansehen sollte, waren ganz anders als ich.“

Die letzte Frage des Abends kommt aus dem Publikum. Was ist für ihn Inkarnation? Da nennt er das Ortsschild von Treblinka noch einmal, aber auch den Mailänder Domplatz, wo ihm die ersten Sätze aus Stendhals „Kartause von Parma“ einfallen. Sie beginnt 1796 mit dem Einzug Napoleon Bonapartes in Mailand und der Bemerkung, das habe der Welt gezeigt, „dass nach so vielen Jahrhunderten Caesar und Alexander einen Nachfolger gefunden hatten“. Hier springt auch erstmals der patagonische Hase auf, dem Lanzmanns Memoiren ihren Titel verdanken. Bei einer Autofahrt durch Patagonien, läuft er plötzlich über die Straße und stellt nach einer Art endlosen Landschaftsfilms plötzliche Wirklichkeit her. Ein Hase wie dieser sei vielleicht auch unter den Zäunen von Birkenau hindurchgesprungen. Jetzt sagt er Philosoph Lanzmann auch den Satz, der prägend ist für seine Memoiren: „Die Zeit hat nie aufgehört, nicht zu vergehen.“
Autor: ama

http://www.badische-zeitung.de/literatur-1/die-zeit-hat-nie-aufgehoert-nicht-zu-vergehen–36054817.html

„Die Zeit hat nie aufgehört, nicht zu vergehen.“ – Der französische Publizist und Filmemacher Claude Lanzmann im Gespräch mit dem Basler Romanisten Robert Kopp.

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